5.2 Menschen mit chronischen Wunden im Versorgungsalltag
Orientierung im Gesundheitssystem
In den Interviews, die im Zuge des Wiener Zielsteuerungsprojektes PPWW geführt worden sind, sprachen die Betroffenen zwar von einer großen Zufriedenheit mit der Behandlung in den Wundzentren, aber von negativen Erfahrungen im Gesundheitssystem, bevor sie den Weg in diese spezialisierten Zentren gefunden hatten. Die Patient*innen berichteten davon, im System hin- und hergeschickt worden zu sein, keine konkreten Anlaufstellen gekannt zu haben und den Eindruck bekommen zu haben, dass Hausärzt*innen mangelnde Kenntnisse in der modernen Wundversorgung haben. Dies führte dazu, dass sie häufiger Spitalsambulanzen aufsuchten.
Zitat Person A:
Ich hatte eine gröbere Verletzung und bin ins Krankenhaus gegangen. Die haben das verbunden. Dort hat man mir gesagt, ich solle in einer Woche zum Verbandswechsel kommen, weil Ostern war. Ich hab gefragt: Was soll ich jetzt machen? Die Wunde ist riesig. Die Dame am Schalter hat mir das Wundmanagement empfohlen. Dort war ich dann zum ersten Mal und habe so gute Erfahrungen gemacht, dass ich mehrmals hingegangen bin. Wenn man weiß, dass es solche Stellen gibt, geht man lieber dorthin. Denn da kann ich einen Termin vereinbaren, es gibt keine unendlichen Wartezeiten und die Mitarbeiter sind Profis, die ihre Arbeit genauso gut machen wie die, die Wunden im Krankenhaus verbinden. Und sie nehmen sich mehr Zeit. Ich habe mich dort sehr wohlgefühlt und wurde bestens betreut.
Als Lösungsansatz merkte Person A Folgendes an:
Grundsätzlich sollten wir das Wundmanagement als eigene Disziplin bekannter machen. Ich könnte mir vorstellen, einen Bogen mit Informationen an die Hausärzt*innen zu schicken. Es soll keine seitenlange Abhandlung über Wunden sein, sondern einfach kurz und bündig. Mit Stellen, wo man sich hinwenden kann, möglichst mit dem Hinweis Wahlarzt oder Krankenkasse.
Als Lösungsvorschlag hat die Forschungsgruppe Alterung und Wundheilung der Ludwig Boltzmann Gesellschaft eine Informationsbroschüre herausgegeben, siehe Abbildung 8.
Schritt für Schritt bei schwer heilenden Wunden
Die Forschungsgruppe Alterung und Wundheilung der Ludwig Boltzmann Gesellschaft erforschte mit einem partizipativen Ansatz Versorgungsbrüche und Herausforderungen für Betroffene in der Wundversorgung. Daraus ist eine Informationsbroschüre sowie die Webseite „Wunde heilt nicht“ entstanden, um Betroffene bei der Navigation durch das Gesundheitssystem zu unterstützen und passende Behandlungsangebote aufzuzeigen. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es ein solches Orientierungsangebot nicht. Es richtet sich an Personen mit schwer heilenden Wunden sowie deren Angehörige und beschreibt Ursachen, Anlaufstellen und Behandlungsmöglichkeiten. Die Website ist auf Deutsch, Arabisch, Rumänisch und Türkisch verfügbar und bietet einfach ausdruckbare Flyer mit den wichtigsten Informationen zum Download.

Gesundheitskompetenz
Die Gesundheitskompetenz beschreibt das Ausmaß, in dem Menschen in der Lage sind, auf gesundheitsrelevante Informationen, Angebote und Ressourcen zuzugreifen, diese zu verstehen, zu bewerten und zu nutzen, um ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden zu erhalten, zu schützen und zu stärken. Patient*innen mit chronischen Wunden wurden im Zuge der Interviews aus dem PPWW-Zielsteuerungsprojekt nach ihrer Gesundheitskompetenz befragt, also dem Wissen über ihre Erkrankung und passende Behandlungsmethoden. Einige Personen berichteten, wenig Wissen über Risikofaktoren zu haben sowie Schwierigkeiten, sich selbst Informationen zu beschaffen (geringe Gesundheitskompetenz). Gleichzeitig gaben vier Personen (im Alter von über 80 Jahren) an, sich durch das Gesundheitspersonal sehr gut informiert gefühlt zu haben, hier wurde der Stellenwert der Pflegekräfte hervorgehoben. Als Quellen für Gesundheitsinformationen wurden das Internet und Broschüren (zum Beispiel aus der Apotheke) genannt. Die Gesundheitshotline 1450 war im Zusammenhang mit Informationen zur Wundversorgung unbekannt.
Wie Betroffene ihre Wundbehandlung erleben
Der Wunsch, den alle Patient*innen in den Gesprächen angaben, war, dass die Wunde verheilt. Dieser Wunsch beeinflusste die Zufriedenheit mit der Behandlung stark. Befragt nach dem Erleben der Wundbehandlung, berichteten Betroffene von einem hohen zeitlichen Aufwand, da zum Beispiel die Frequenz für einen Verbandswechsel in der Regel hoch sei. Oftmals erhielten Betroffene keine Diagnose oder Zuweisung zur Abklärung der Ursache einer chronischen Wunde, daher fand eine professionelle Wundbehandlung in einigen Fällen (zu) spät statt. Obwohl es im niedergelassenen Bereich zwischen Kassen- und Wahlärzt*innen bzw. Privatärzt*innen Unterschiede, was die zeitlichen Ressourcen betraf, gab, berichteten Patient*innen nicht von dem Gefühl, zu wenig Zeit oder Informationen zu bekommen. Das vorrangige Bedürfnis der Betroffenen war das Verheilen ihrer Wunde – somit wurde zum Beispiel bei einer privatärztlichen Behandlung trotz größerer zeitlicher Ressourcen Unzufriedenheit geäußert, weil sich eine Wunde nicht schnell genug schloss.
Mitwirkung in der Gesundheitsplanung: Patient*innengruppe
In den Interviews mit Patient*innen wurde außerdem regelmäßig der Wunsch nach Austausch zwischen den Betroffenen geäußert, etwa im Rahmen einer Selbsthilfegruppe.
Zitat Person B:
Ich glaube, jeder, der ein bisschen aufgeschlossener ist, macht bei so was gerne mit. Man merkt es oft, es gibt Menschen, die sind 85, 88 Jahre alt, die sind für alles offen und manche, die blocken nur ab und wollen einfach nicht.
Da die Wundbehandlung selbst bereits viel Zeit beansprucht und die Anreise für viele Betroffene beschwerlich ist, wurde der Wunsch nach einem „offenen Gesprächsraum“ direkt im Krankenhaus bzw. Zentrum geäußert, an dem man sich im Zuge der regulären Termine einfinden und austauschen kann. Patient*innen berichteten, dass im Wartebereich selten Gespräche untereinander stattfanden. Gleichzeitig sahen sich Betroffene, die bereits positive Erfahrungen gemacht hatten und geeignete Anlaufstellen kannten, als „Gesundheitslots*innen“ und gaben die Informationen gern an andere weiter (zum Beispiel an Freund*innen und Familie). Das spiegelt das Bedürfnis nach sozialem Austausch und gegenseitiger Unterstützung wider. Im November 2024 organisierte die Ludwig Boltzmann Gesellschaft die die erste Selbsthilfegruppe für chronische Wundpatient*innen in Wien. Die Gruppe bietet Austausch unter Betroffenen, aber auch Vorträge und Workshops zu Themen wie Versorgung mit Hilfsmitteln, zur Erweiterung des Bewegungsrepertoires, zu ernährungsspezifischen Themen oder Möglichkeiten finanzieller oder psychologischer Unterstützung.
Fazit
Chronische Wunden können die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Sie gehen mit physischen Einschränkungen und Schmerzen sowie mit psychischen Belastungen wie Scham und Einsamkeit einher. Patient*innen wünschen sich mehr Transparenz und Orientierung im Gesundheitssystem sowie einen besseren Zugang zu spezialisierten Wundzentren, die eine qualitativ hochwertige Versorgung bieten. Die Rolle des modernen, professionellen Wundmanagements soll in Zukunft mehr Stellenwert bekommen.
Um die Gesundheitskompetenz der Betroffenen zu stärken, braucht es Initiativen auf unterschiedlichen Ebenen, z. B. Informations- und Bildungsangebote zum Thema chronische Wunden. Aus den Gesprächen mit Betroffenen hat sich ergeben, dass die Einrichtung von „offenen Gesprächsräumen” in Krankenhäusern oder Wundzentren gewünscht ist. Diese „Orte der Begegnung“ könnten den sozialen Austausch und die gegenseitige Unterstützung der Patient*innen fördern. Darüber hinaus könnte die Gründung von Selbsthilfegruppen dazu beitragen, dass Betroffene ihre Erfahrungen teilen und voneinander lernen, was das Gefühl der Isolation verringern würde. Abschließend erscheint eine stabile Beziehung zu professionellen Wundversorger*innen als entscheidend für die emotionale Unterstützung der Betroffenen. Daher sollte eine Kontinuität in der Pflege sichergestellt werden, um das Vertrauen, die Zufriedenheit sowie die Compliance bzw. Concordance der Patient*innen zu stärken. Darunter versteht man eine kooperative Arzt-Patienten-Interaktion. Letztlich ist es wichtig, die Perspektiven der Patient*innen in die Weiterentwicklung der Wundversorgung zu integrieren, um deren Bedürfnisse und Herausforderungen besser zu verstehen und gezielt darauf reagieren zu können. Projekte wie die „Patient*innenpartizipation im Wiener Wundnetz“, die im Rahmen der Wiener Zielsteuerung ins Leben gerufen wurden, haben bereits vielversprechende Ansätze in diese Richtung entwickelt. Solche Initiativen tragen dazu bei, eine ganzheitliche und patient*innenzentrierte Versorgung zu fördern, die die Lebensqualität der Betroffenen nachhaltig steigert.