5.1 Gesundheitsbezogene Lebensqualität von Menschen mit chronischen Wunden

Chronische Wunden beeinträchtigen die Lebensqualität der betroffenen Personen erheblich. Ihre Auswirkungen sind vielschichtig und betreffen nicht nur die körperliche, sondern auch die psychische Gesundheit sowie das Sozialleben. In der wissenschaftlichen Literatur wurde die Lebensqualität von Menschen mit chronischen Wunden in den letzten Jahren zunehmend untersucht. Dabei wurden zahlreiche emotionale Belastungen beschrieben, wie ein beeinträchtigtes Körperbild, ein geringeres Selbstwertgefühl oder das Empfinden, eine andere Identität angenommen zu haben. Einige Betroffene äußerten den Wunsch, zu ihrer früheren, „wundenfreien“ Identität zurückzukehren – einem Alltag ohne die Notwendigkeit ständiger Anpassungen, wie etwa das Tragen langer Kleidung, um Wunden zu verbergen. Auch nach dem Abheilen einer Wunde (z. B. eines Ulcus) wird der Alltag von vielen als dauerhaft verändert erlebt. Sie achten stärker darauf, ein Wiederauftreten der Wunde zu vermeiden, was unter Umständen Angst- und Stressgefühle verursacht. Zudem ist das Leben mit chronischen Wunden häufig mit einer erhöhten psychischen Belastung verbunden, die das Risiko für depressive Symptome erhöhen kann.
Ein fundiertes Verständnis der Erfahrungen und Bedürfnisse von Patient*innen ist daher entscheidend – nicht nur für die Therapieplanung, sondern auch für die Entwicklung von Empfehlungen zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung. Im Rahmen des Zielsteuerungsprojekts „Patient*innenpartizipation im Wiener Wundnetz (PPWW)“ wurde in Wien die Perspektive der Patient*innen in die Weiterentwicklung der Wundversorgung einbezogen. In den letzten Jahren wurden im Rahmen des Zielsteuerungsprojekts 16 Interviews mit Patient*innen mit chronischen Wunden geführt. Dadurch wurde beabsichtigt, bei der Weiterentwicklung des Wiener Wundnetzes nicht nur auf Expert*innenmeinungen zurückzugreifen, sondern auch direkt betroffene Personen miteinzubeziehen und den Blickwinkel auf Herausforderungen und Erfolge zu erweitern. Dieses Kapitel präsentiert die Ergebnisse der Interviews und veranschaulicht, wie das Leben mit chronischen Wunden erlebt wird. Der Fokus liegt auf den vielfältigen Aspekten gesundheitsbezogener Lebensqualität: der individuellen Wahrnehmung von Lebensqualität, subjektiven Bedürfnissen, sozialer Unterstützung und dem Erleben von Orientierung (bzw. Desorientierung) im Gesundheitssystem.
Einschränkungen der Lebensqualität
Im Rahmen des Wiener Zielsteuerungsprojekts „Patient*innenpartizipation im Wiener Wundnetz“ (siehe Kap. 2.2) wurden Betroffene von chronischen Wunden in Interviews gefragt, wie sie Gesundheit subjektiv definieren und ob sie sich im Alltag mit der chronischen Wunde als gesund wahrnehmen. Die Befragten schilderten, dass bei chronischen Wunden typischerweise immer wieder Phasen auftreten, in denen die Wunde verheilt oder sich schließt und anschließend erneut öffnet oder entzündet. Demzufolge variiert die subjektive Wahrnehmung der eigenen Lebensqualität stark mit dem jeweiligen Wundstadium. In guten Phasen, in denen ihre Wunde kurzfristig verheilt oder geschlossen war, beschrieben sich die Betroffenen als aktiver und zufriedener. In schlechten Phasen dagegen beeinträchtigte die offene Wunde viele Alltagstätigkeiten erheblich – etwa beim Duschen oder durch Schmerzen und Bewegungseinschränkungen beim Gehen. Als Folge passten die Betroffenen ihr Gesundheitsverhalten an: Sie bewegten sich weniger und nahmen seltener an sozialen Aktivitäten teil.
Zitat Person A:
Das, was mich am meisten hindert, ist die Tatsache, wenn ich irgendwo ankomme, dass die Haut aufreißt und das Blut rinnt. Wenn ich Pech habe, führt das zu einem starken Bluterguss. Wenn es eine leichte Blutblase unter der Haut ist, reißt die auf, dann zieht sich da die ganze Haut ab.
Zitat Person B:
Ich trau mich nicht Radfahren wegen der Angst vorm Stürzen, ich darf nicht schwimmen, also alle Sachen, die ich gern mach, kann ich natürlich nicht machen. Ich darf nicht ins Wasser. Also den ganzen vorigen Sommer war das eine Beeinträchtigung. Ich soll auch nicht zu viel in die Sonne.
Wunden können auch zu Einschränkungen der Selbstständigkeit führen. Je nach Lebenslage können sich diese Einschränkungen unterschiedlich auswirken. So haben z. B. Mobilitätseinschränkungen einen negativen Einfluss auf die soziale Teilhabe und können Einsamkeit zur Folge haben. Dies betrifft besonders ältere Menschen. Bei berufstätigen Betroffenen ergeben sich andere Herausforderungen. Eine Studie hat gezeigt, dass Jüngere stärker unter den psychosozialen Auswirkungen eines chronischen Beingeschwürs leiden als Ältere. Sie hatten Schwierigkeiten, ihrer Arbeit nachzugehen, waren frustriert darüber und verspürten Scham.
Patient*innen mit chronischen Wunden empfinden häufig Scham aufgrund ihrer Wunde und der damit verbundenen Gerüche. Das beeinflusst ebenfalls den Alltag und kann zu sozialem Rückzug und Einsamkeit führen. Andererseits können Isolation und Einsamkeit Schamgefühle auslösen und verstärken sowie die Suche nach und die Inanspruchnahme von Unterstützungsmöglichkeiten erschweren. Einige Personen mit chronischen Wunden berichteten, dass sie trotz relativ vieler Kontakte zögern, um Hilfe zu bitten, da sie niemanden belästigen möchten. Dadurch reduzieren sich oft enge persönliche Beziehungen.
In diesem Zusammenhang betont eine systematische Übersichtsarbeit die zweifache Rolle, welche die Gesundheitsberufe in der Wundversorgung einnehmen: Neben der pflegerischen Versorgung leisten diese häufig auch emotionale Unterstützung. Diese Studie hält fest, dass professionelle Wundversorger*innen für viele Betroffene zu wertvollen emotionalen Bezugspersonen wurden, was jedoch Kontinuität in der Pflege voraussetzt. Etwa ein Drittel der Befragten berichtete, dass sie sich aufgrund des Fehlens einer vertrauten Pflegeperson ausschließlich selbst behandeln. Diese Gruppe erlebte vermehrt negative Folgen im Arbeitsleben, wie verminderte Produktivität und krankheitsbedingte Fehlzeiten, sowie erhebliche Einschränkungen in ihrer Freizeit. Insgesamt war dadurch ihre Lebensqualität deutlich beeinträchtigt.
Abbildung 7 geht näher auf das Thema Einsamkeit ein.
Einsamkeit
Einsamkeit ist ein subjektives Gefühl, das entsteht, wenn die eigenen sozialen Bedürfnisse nicht erfüllt sind und eine Diskrepanz zwischen den tatsächlichen und den gewünschten sozialen Beziehungen besteht. Es ist nicht dasselbe wie Alleinsein, da man sich auch in Gesellschaft einsam fühlen kann, wenn die sozialen Kontakte nicht den eigenen Erwartungen entsprechen.

Die „Social City Wien" widmet sich seit dem Jahr 2018 den durch Einsamkeit entstehenden psychosozialen Herausforderungen und offeriert auf der „Plattform gegen Einsamkeit“ eine Vielzahl an Angeboten, Informationen und Beteiligungsmöglichkeiten zum Thema soziale Isolation in Österreich. Die Plattform zeichnet sich durch eine internationale Vernetzung aus und präsentiert Projekte, die u. a. darauf abzielen, die Mobilität älterer und weniger mobiler Personen zu verbessern. Ein Beispiel ist ein Projekt aus Portugal, bei dem ältere Personen Fahrradtaxis kostenlos nutzen können. Bei eingeschränkter Mobilität erleichtert dies den Besuch beim Arzt und verbindet diesen mit einem freundlichen Gespräch an der frischen Luft.
Quellen: Reichmann, 1959; Social City Wien, 2025; Pedalar Sem Idade Portugal, 2025.
Soziale Unterstützung und Lebensqualität
Soziale Unterstützung spielt eine zentrale Rolle für die Lebensqualität und Gesundheit von Menschen mit chronischen Wunden – unabhängig vom Wohnort. Gerade bei langfristigen gesundheitlichen Herausforderungen wie chronischen Wunden ist ein unterstützendes soziales Umfeld entscheidend für das subjektive Wohlbefinden, die Selbstständigkeit im Alltag sowie den Heilungsverlauf.
In Wien zeigt sich eine Entwicklung, die eine Unterstützung im Alltag potenziell erschwert: Immer mehr Menschen leben allein. Bereits 2023 waren es rund 27 Prozent aller erwachsenen Wiener*innen, ab 60 Jahren sogar 40 Prozent – also fast 170.000 Personen. In der Zukunft ist mit einem weiteren Anstieg zu rechnen, entsprechend der demografischen Entwicklung der Bevölkerung (vgl. Kapitel 4.2). Gleichzeitig hat die wahrgenommene soziale Unterstützung über die letzten Jahre hinweg abgenommen. Das ist insbesondere deswegen besorgniserregend, weil Personen mit chronischen Wunden auf Unterstützung angewiesen sind. Während 2013 noch 89 Prozent der Wiener*innen angaben, im Krankheitsfall „leicht“ Hilfe von nahestehenden Personen zu erhalten, waren es im Jahr 2023 nur noch 76 Prozent. Die Österreichische Gesundheitsbefragung (ATHIS) zeigt zudem, dass Menschen mit geringer sozialer Unterstützung deutlich seltener eine gute Gesundheit angeben (59,6 Prozent) – gegenüber jenen mit hoher sozialer Unterstützung (80,5 Prozent).
Wichtige Quellen sozialer Unterstützung sind vor allem Familienmitglieder – insbesondere bei emotionaler Begleitung und direkter Hilfe, etwa bei der Wundversorgung. Auch Freund*innen, Kolleg*innen und Nachbar*innen leisten Unterstützung, und zwar oft durch praktische Hilfe, wie etwa Fahrdienste. Wer allein lebt, ist hingegen häufiger auf öffentliche Angebote angewiesen. Dies betrifft nicht nur die Pflege und die medizinische Betreuung, sondern auch die soziale Teilhabe und alltägliche Aufgaben. Eine europäische Studie zeigt zudem, dass Personen in festen Partnerschaften oder mit Kindern stärkere soziale Unterstützung und eine höhere Lebensqualität erfahren. Entsprechend wichtig ist der Ausbau niederschwelliger Versorgungsstrukturen – vor allem in Städten wie Wien, wo ein individualisierter Lebensstil stärker verbreitet ist.
In ländlichen Regionen bzw. Gemeinden mit weniger als 10.000 Einwohner*innen ist die Lage anders: Dort lebt nur etwa jede*r Sechste allein – bei den über 60-Jährigen nur jede*r Vierte, also deutlich (15 Prozentpunkte) weniger als im urbanen Raum. Traditionell engere soziale Netzwerke und familiäre Strukturen bieten oft einen stärkeren Rückhalt. Dennoch kann die Unterstützung von pflegebedürftigen Familienmitgliedern auch belastend sein und bei Angehörigen einen erheblichen emotionalen Stress verursachen.
Der demografische Wandel mit einer zunehmenden Alterung, aber auch mit einer potenziellen Vereinsamung der Bevölkerung stellt daher städtische wie ländliche Regionen vor Herausforderungen. Die Stärkung der sozialen Unterstützung in der Bevölkerung erfordert die Überwindung von Schambarrieren, die mit chronischen Wunden assoziiert werden. Es braucht Strategien, um die soziale Unterstützung zu fördern und barrierefrei zugänglich zu machen – nicht zuletzt, um die Lebensqualität chronisch erkrankter Menschen nachhaltig zu sichern.