4. Gebäude & Energie

4.11 Kreislaufwirtschaft und kreislauffähige Sanierungsprojekte in WieNeu+

Im Zuge der Weiterentwicklung der Wiener Smart Klima City Strategie hat sich die Förderung der Kreislaufwirtschaft, insbesondere der kreislauffähigen Sanierung, als zentrale Herausforderung für eine nachhaltige und klimaneutrale Stadterneuerung erwiesen. Erste Erkundungen zeigen, dass es auf allen Ebenen erheblichen Lernbedarf gibt, um die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass alle Akteur*innen dazu beitragen können und wollen, das Ziel der Kreislauffähigkeit zu erreichen.

WieNeu+ bietet als Urban Living Lab optimale Voraussetzungen, um Pilotprojekte in diesem Themenbereich umzusetzen.

  • 2020 wurde eine Studie zu kreislaufwirtschaftlichen Potentialen in der Remise Favoriten der Wiener Linien durch die Materialnomaden ausgearbeitet. Ein wichtiges Ergebnis daraus war ein Material- und Bauteilkatalog, welcher die in der Remise verbauten Materialien und Massen sowie eine CO2 Matrix enthält. Dieser dient als Grundlage für zukünftige Materialverwendungen.

  • Es wurde eine Untersuchung hinsichtlich einer möglichen Sanierung der Quellenstraße 217 der BWSG durchgeführt. Dabei wurden Kreislaufwirtschaftsprinzipien berücksichtigt. Das wesentliche Ergebnis dieser Untersuchung war, dass der bestehende Rahmen eine Umsetzung nicht gestattete.

  • WieNeu+ kooperierte mit der Circular City Challenge (CCC) . Dies ist ein Veranstaltungsformat, das nach innovativen Lösungen im Bereich der Kreislaufwirtschaft für die Herausforderungen von Städten und Gemeinden sucht. Die Städte und Gemeinden stellen als “Challenge Owner” aktuelle Herausforderungen für die Challenge bereit. Startups reichen ihre Ideen und Produkte ein, um kreislauffähige Lösungen für Städte anzubieten und somit zur Klimaneutralität beizutragen.

  • Das Projekt Van-der-Nüll-Gasse 22 von Sedlak Immobilien setzt eine kreislauffähige Sanierung eines Bestandsobjekts praktisch um und verspricht dabei bedeutende Erkenntnisse im Einsatz von digitalen Gebäudemodellen, Lebenszyklusanalysen und Monitoring zu gewinnen. Das Projekt wird durch die WieNeu+ Grätzlförderung unterstützt.

Erkenntnisse

Bereits in der frühen Phase und während jeder Planungsstufe einer Sanierung muss das Prinzip der Kreislaufwirtschaft berücksichtigt werden. Die WieNeu+ Projekte Quellenstraße 217 (BWSG) und Miesbachgasse 5 (ÖSW) waren dafür zu weit fortgeschritten.

Darüber hinaus ist das Thema Kreislaufwirtschaft gegenüber Bauträger*innen/Eigentümer*innen noch schwer zu vermitteln. Gründe dafür sind unter anderem:

  • Zu Programmstart gab es kein durchschlagendes Anreizsystem (z. B. durch Förderungen oder Kosteneinsparungen), um kreislaufwirtschaftliche Prinzipien in einer Sanierung zu berücksichtigen. Das erschwerte es, Miteigentümer*innen ins Boot zu holen oder Mieter*innen vom Nutzen zu überzeugen. Dem sollte ab März 2024 die neue Sanierungs- und Dekarbonisierungsverordnung der Stadt Wien Abhilfe schaffen.

  • Es gibt derzeit kaum Dienstleistungen und Infrastruktur auf dem Markt, die Anhaltspunkte dafür geben, an welchen Punkten einer Sanierung Bauträger*innen und Eigentümer*innen eine kreislaufwirtschaftliche Sanierung umsetzen können. Dies umfasst beispielswiese digitale Dienstleistungen zur Bestandserfassung, spezialisiertes Fachpersonal im handwerklichen Bereich, Fachplaner*innen, sowie konzeptionelle Infrastruktur zur Beschreibung der Schritte zur Umsetzung von Kreislaufwirtschaft, Messung der Fortschritte und klare Verantwortlichkeiten.

  • Sowohl Bauträger*innen als auch die Anbieter*innenseite tragen die Verantwortung für die Anwendung des Prinzips der Kreislaufwirtschaft. Für Letztere fehlt noch das klares Verständnis dafür, was Kreislaufwirtschaft in den einzelnen Gewerken bedeutet, womit Bauträger*innen keine passenden Dienstleistungen nachfragen und die Gewerke diese nicht anbieten (können), z. B. was bedeutet Kreislaufwirtschaft in der Gebäudetechnik und worauf muss in Ausschreibungen bzw. Angeboten und im Einkauf geachtet werden.

  • Um konkrete Fortschritte zu erzielen, ist eine umfassende Zusammenarbeit mehrerer Bauträger*innen erforderlich, um eine strategische Herangehensweise an das Thema zu ermöglichen. Die Bearbeitung auf Einzelstandorte erscheint ohne Kontextualisierung in ein städtisches Gesamtkonzept nicht zielführend. Wichtig ist eine umfassende digitale und aktuelle Erfassung aller errichteten Gebäude, um eine frühzeitige Planung von freiwerdenden Stoffströmen zu ermöglichen. Die Bereitstellung von Lagerflächen und Logistik wird als Kostenfaktor betrachtet, der ohne Zwang oder Gegenleistung nicht übernommen werden wird.

Ausblick

Das Thema der Kreislaufwirtschaft und zirkuläre Sanierung ist ein Zukunftsthema in Europa (Stichwort Taxonomieverordnung), bei dem Wien aktiv in Partnerschaft mit allen Akteur*innen an lokalen Lösungsmodellen arbeitet. Die Projekterfahrung von WieNeu+ fließen dabei mit ein.

Das in der Stadtbaudirektion angesiedelte Programm „DoTank Circular City Wien 2020-2030“ arbeitet an der Ausarbeitung und Implementierung konkreter Umsetzungsmaßnahmen auf dem Weg zur zirkulär gebauten Stadt, unter anderem wird dafür das Urban Living Lab zirkuläres Bauen Nordwestbahnhof als Teil des Transformationsprozesses zur Kreislaufwirtschaft im Bauwesen konzipiert. In der ab März 2024 gültigen Sanierungs- und Dekarbonisierungsverordnung der Stadt Wien werden nun auch kreislaufwirtschaftliche Sanierungsmaßnahmen gefördert.

Für das 2. und 3. Programmgebiet von WieNeu+ bedeuten die Erkenntnisse außerdem, dass das Thema Kreislaufwirtschaft von Anfang an die Liegenschaftseigentümer*innen getragen wird, um im Planungsprozess das Thema frühzeitig berücksichtigen zu können.