Gemeinderat,
10. Sitzung vom 26.06.2006, Wörtliches Protokoll - Seite 104 von 118
Wir glauben, dass die Gruppe der Sexarbeiterinnen in Wien besonderer Unterstützung bedarf und dass es daher nicht angehen kann, dass dieses Projekt ohne Nachfolge und ohne Ersatz ausläuft, insbesondere auch deswegen, weil diese Gruppe besonders stigmatisiert und zum Teil auch kriminalisiert ist. Sie wissen, dass sich Sexarbeiterinnen beispielsweise als einzige Berufsgruppe bei der Wiener Polizei melden müssen und daher von vornherein eine Art kriminelles Stigma bekommen und dass Sexarbeit in Österreich immer noch als sittenwidrig gilt und nicht als Arbeit oder Gewerbe anerkannt ist.
Wir GRÜNE wollen das ändern. Vor allem wollen wir,
dass in Wien eine wirklich ganzheitliche Beratung für Sexarbeiterinnen zur
Verfügung steht, wie es auch in anderen Städten gang und gäbe ist. Sie kennen
die Debatte: Nicht zuletzt jetzt im Zuge der Fußball-WM gibt es sogar eine
große Kampagne "Stoppt Zwangsprostitution!", und in allen Städten, in
denen die Fußball-WM stattfindet, gibt es niederschwellige
Beratungseinrichtungen.
Daher werden meine Kolleginnen Korun, Antonov und
Cammerlander folgenden Antrag einbringen: „Die amtsführende Stadträtin der
Geschäftsgruppe Integration, Frauenfragen, KonsumentInnenschutz und Personal
möge sich umgehend dafür einsetzen, dass eine niederschwellige, allgemeine,
ganzheitliche und ergebnisoffene Beratung für alle Sexarbeiterinnen
eingerichtet und dauerhaft durch die Stadt Wien finanziert wird.“ – Ich
denke, gerade Wien als Kongress- und Konferenzstadt und als Austragungsort der
Fußball-EM 2008 muss eine solche Beratungsstelle aufweisen.
Es bleibt mir nur noch zu sagen, dass wir –
welche Überraschung! – den Rechnungsabschluss 2005 natürlich ablehnen
werden, und zwar auch deshalb, weil – wie ich bei allen
Rechnungsabschlussdebatten erwähne – das Budget der MA 57, die für
Frauenfragen zuständig ist, seit Jahren nicht gestiegen und viel zu gering ist.
Es stehen nur 0,7 Promille des Gesamtbudgets für Frauenfragen zur
Verfügung, und das ist zu wenig, insbesondere deswegen, weil zwei Drittel
dieser Mittel mittel- bis langfristig zweckgebunden sind. 52 Prozent der
Mittel fließen in die Frauenhäuser, weitere 23 Prozent in die Subvention
und Förderung von Vereinen, die jetzt endlich, nachdem wir lange dafür gekämpft
haben, Dreijahresverträge haben.
Dieses Budget ist eindeutig zu gering, und auch
deshalb lehnen wir den Rechnungsabschluss 2005 ab. – Danke. (Beifall bei den GRÜNEN.)
Vorsitzender GR Dr Wolfgang Ulm: Zu
Wort gemeldet ist Frau GRin Mag Feldmann.
GRin Mag Barbara Feldmann (ÖVP-Klub
der Bundeshauptstadt Wien): Sehr geehrter Herr Vorsitzender! Sehr geehrte
Frau Stadträtin! Meine Damen und Herren!
Ich habe mir lange überlegt, wie ich heute meine Rede
über Frauenpolitik gestalte, und dabei bin ich zu der zentralen Frage gekommen,
wieso es in einem Zeitalter wie diesem und in einer Stadt wie dieser noch immer
nicht gelungen ist, Gleichstellung der Geschlechter herzustellen, obwohl das
eigentlich natürlich und selbstverständlich ist. Wieso ist es nicht ein in
jedem… (GR Heinz Hufnagl: Weil Wien kein
eigener Planet ist! Kann das sein?) Ich werde Ihnen das gleich beantworten!
Aber es ist schön, wenn Sie auch eine Antwort haben!
Frauenpolitik ist eine Querschnittsmaterie und muss
daher in jedem Ausschuss und in allen Entscheidungsgremien manifest werden. Und
es liegt wohl auf der Hand, dass 7,5 Millionen EUR niemals ausreichen
können, um Gleichstellung herzustellen. Die umzusetzenden Themen liegen
hingegen klar auf der Hand, und das Schöne ist, dass auch die Lösungen ganz
klar auf der Hand liegen.
Der gesellschaftliche Wandel mag noch eine gewisse
Zeit in Anspruch nehmen, wir alle wissen aber oder sollten zumindest wissen,
was die Stadtregierung zu unternehmen hätte, und ich verstehe nicht, was Sie
alle hindert, das umzusetzen, was klar ist! Ich habe ein paar Anträge mit
konkreten Vorschlägen vorbereitet, und Sie bräuchten diese nur umzusetzen!
So betrifft mein erster Antrag Gender Budgeting, denn
ohne geschlechterbewusste Erstellung des Budgets ist es nicht möglich, bei den
öffentlichen Ausgaben für Frauen und Männer ausgewogen auf verschiedene Prioritätensetzungen
zu reagieren. (Beifall bei der
ÖVP. – Zwischenruf von GRin Sandra Frauenberger.)
Frau GRin Frauenberger! In
welchem Ausschuss findet Gender Budgeting eigentlich statt? Wir haben die
verschiedenen Ausschüsse systematisch über Maßnahmen und vorhandene Konzepte
befragt, und die Antwort war unisono: Das haben wir nicht, das ist aber eine
super Anregung! Die Ausschüsse wären also eigentlich dafür, wie ich meine, das
ist aber leider noch nicht durchgedrungen.
Ich bringe mit meinem
Kollegen Dr Fritz Aichinger folgenden Antrag zum Gender Budgeting ein: Er
betrifft Voraussetzungen für effektives Gender Budgeting, ein
Fünfjahresbekenntnis zur Umsetzung und zur effektiven Transparenz, was implizit
auch eine entsprechende Ressourcenausstattung und eine institutionelle
Verankerung mit Kompetenzzuständigkeit auf institutioneller Ebene erfordert:
„Die amtsführenden
Stadträtinnen und Stadträte der Wiener Stadtregierung mögen jedes Jahr per
Stichtag 30. Juni den jeweiligen Ausschüssen des Gemeinderats in Form
eines schriftlichen Berichtes darlegen, welche Schritte betreffend Gender
Budgeting in ihrem jeweiligen Ressort bereits vorgenommen wurden und welche
konkreten Schritte eine höhere Chancengleichheit tatsächlich bewirken konnten.
In formeller Hinsicht wird
die Zuweisung beantragt.“ – Danke. (Beifall bei der ÖVP.)
Mein nächster Antrag betrifft gender-sensible
Pädagogik und Berufsorientierungsangebote. Gender-sensible Pädagogik ist eine
notwendige Maßnahme, die angesichts der Tatsache ergriffen werden muss, dass
Frauen die meisten Probleme in den Bereichen Arbeitssuche und Wiedereinstieg
haben. Die Konfrontation mit diesen Problemen führt zur abnehmenden Motivation
und auch zur Isolation vom Arbeitsmarkt. Frauen werden in die
Stadt Wien | Geschäftsstelle Landtag, Gemeinderat, Landesregierung und Stadtsenat (Magistratsdirektion)
Kontaktformular